Diese Erzählung entstand im Jahr 2000 und wurde von den britischen Bergsteigern George Herbert Leigh Mallory und Andrew Comyn Irvine inspiriert. Im Jahr 1924 wagten sie den Gipfelsturm auf den Mount Everest, kehrten jedoch nicht zurück und blieben lange verschollen.
Die fast komplett erhaltene Leiche George Mallorys fand man fünfundsiebzig Jahre später knapp unterhalb des Gipfels der Nordflanke, sein junger Begleiter blieb unauffindbar... die Geschichte regt bis heute zu Spekulationen an und hat in mir den Wunsch geweckt, sie nach meiner eigenen Vorstellung niederzuschreiben.
Viel Spaß beim Lesen!

Natürlich war von meinen Gefährten noch keine Spur zu sehen, ich genoss den Ruf eines notorischen Frühaufstehers. Ich warf einen Blick auf die Schweizer Taschenuhr, die mir meine Frau letztes Jahr zum 35. Geburtstag geschenkt hatte. Ich dachte daran, dass Emily die beiden Großen jetzt bald zur Schule bringen würde und John vor seinen Klassenkameraden damit prahlte, dass sein Vater in abenteuerlicher Mission unterwegs war, den höchsten Berg der Welt zu bezwingen, ein wahrer Held, der in die Geschichte eingehen würde. Die Wirklichkeit sah, wie so oft, anders aus.
Ich war kein Freund dieses Berges, der monströs, ja fast bösartig und mit nicht zu überbietender Arroganz 8848 Meter hoch in den Himmel ragte. Vor nicht ganz zwei Jahren hatten wir unsere erste Expedition gestartet, die an schlechter Witterung und zwei Todesfällen gescheitert war. Für den Tod der Sherpas fühlte ich mich verantwortlich, ich hatte sie – von unstillbarem Ehrgeiz getrieben - weitergedrängt, obwohl Morrow, unser Führer, dessen Stellvertreter ich war, vor unsicherem Gelände und Lawinengefahr gewarnt hatte.
Aufgrund dieses Vorfalls hatte es einiger Überredungskunst von seiten meines alten Freundes Grant bedurft, an der jetzigen Tour teilzunehmen, ich stellte die Bedingung, dass auch jüngere Kletterer dabei waren, und er setzte alles daran, diese ausfindig zu machen. Tatsächlich begegnete er einem Oxfordstudenten namens Timothy A. C. Milford, von dem er mir in den höchsten Tönen vorschwärmte. Ich musste grinsen bei der Erinnerung, wie der sonst so kühle Grant den vorbildlichen Körperbau und die unglaubliche Geschicklichkeit des Jungen pries. Nebenbei bemerkt, hatte er ihn nur einmal am Berg gesehen, was mich skeptisch werden ließ. Grant jedoch behauptete, Milfords Körpergefühl sei dermaßen außerordentlich, dass er bedenkenlos auch den höchsten Gipfel meistern würde, was ihm ja ohnehin nicht abverlangt werden würde. Zudem wüsste er hervorragend mit den neuartigen Sauerstofflaschen umzugehen, vielleicht besser noch als er selbst, der letztes Mal diese Aufgabe übernommen hatte. Das wäre kein allzu großes Kunststück, wir alle hielten nicht besonders viel von dieser Erfindung, die in unseren Augen nicht mit dem britischen Pioniergeist zu vereinbaren war, und Grant hatte sich dementsprechend intensiv mit dem Oxygen beschäftigt – nämlich überhaupt nicht. Ein angehender Ingenieur, der für alles Technische zu begeistern war, könne deshalb nur von Nutzen sein.
Eben auf diesen und zwei weitere Begleiter wartete ich gerade; ich kannte nur einen von ihnen persönlich, den alten Dr. Boothwell, ein großartiger Kollege und Chirurg. Überhaupt waren erstaunlich viele Mediziner dabei, unsere Reise sollte ebenso der Forschung wie auch der Reputation Britanniens dienen; ich hoffte nur, dass ich mir außer der üblichen Beschwerden in großer Höhe nichts Ernstes einfangen würde. Jeremy Haskiell war gleichfalls Arzt, wenn auch auf weniger gehobenem Niveau: er hatte im Krieg massenweise Arme und Beine amputiert. Ich stellte ihn mir wie einen Schlachter vor, klein, dick und von roter Hautfarbe.
Langsam wurde es voll auf dem Quai. Menschen verabschiedeten sich tränenreich von ihren Lieben, ich war froh, dass ich Emily und den Kindern das erspart hatte. Ein auffallend blonder Knabe zog meine Aufmerksamkeit auf sich, er stand unmittelbar mir gegenüber und schulterte einen arg mitgenommenen Rucksack, seine Augen, von einem bestechenden Grün in einem leicht gebräunten, schmalen Gesicht, schweiften suchend über den Pier. Unwillkürlich spekulierte ich darüber, was er wohl angestellt hatte, dass man ihn nach Indien strafversetzte, wahrscheinlich eine Mädchengeschichte, das war nicht selten auf den getrennten Internaten. Ich konnte den Blick nicht losreißen und beschloss, ihn ein wenig zu beobachten, sein angenehmes Äußeres zog mich beinahe magisch an. Als er in der Menschenmenge unterging, verspürte ich ein leises Bedauern über die verpatzte Gelegenheit, ihn anzusprechen. Seufzend wandte ich mich der R.M.S Victoria zu, ein riesiger Ozeandampfer, mit dem ich besser Freundschaft schließen sollte, schließlich würde ich die nächsten vier Wochen darauf verbringen. Morrow und seine Leute waren mit der Ausrüstung und dem Proviant vorausgereist, um die Formalitäten zu erledigen, in Bombay sollten wir zu ihnen stoßen und gemeinsam nach Darjeeling fahren.
Jemand tippte behutsam auf meine Schulter; ich fuhr zusammen und drehte mich unwillig um. Es war der Junge, er musterte mich scheu, aber mit unverhohlener Neugier und sagte höflich: "Sir? Vielleicht können Sie mir helfen. Ich suche Mr. Gareth Harper Preston. Sind Sie das?" Erstaunt nickte ich. Woher kannte er mich, und was wollte er von mir? Er schien ebenso irritiert wie ich, denn mit ungläubigem Nachdruck vergewisserte er sich, ob ich Professor Gareth H. Preston von der Universität Cambridge sei, dabei betonte er das Wort Professor, als wäre die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, eine Person gleichen Namens vor sich zu haben.
"Ja", antwortete ich. "Das bin ich." Erleichtert setzte er sein Gepäckstück ab. "Da bin ich aber froh", erklärte er. "Ich dachte schon, ich wäre zu spät." Und mit unverblümter Offenheit setzte er hinzu: "Sie müssen entschuldigen, Sir, aber ich habe Sie mir viel älter vorgestellt, weil Sie doch Professor sind."
"Sie sind nicht zu spät", sagte ich schroff und sah in sein glattes Oxfordboyantlitz. "Das Schiff liegt ja noch vor Anker." Ich verspürte einen gewissen Ärger auf Grant, das sah ihm ähnlich, halbe Kinder anzuheuern, dem Jungen spross ja kaum Flaum auf den Wangen. Mit dem athletischen Körperbau hatte Grant eindeutig übertrieben, der Junge wirkte fast schmächtig und war von höchstens durchschnittlicher Größe. Er ließ sich von meinem abweisenden Verhalten wenig beeindrucken, etwas, das für ihn sprach, aber ich bemerkte doch eine leise Verzagtheit an ihm. „Ich bin schrecklich aufgeregt, ich war noch nie so lange von Zuhause weg“, vertraute er mir an. „Es tut mir leid, wenn ich Sie gekränkt haben sollte, das ist alles so neu für mich.“
Sein Geständnis weckte eine Zuneigung in mir, wie ich sie häufig meinen Schülern gegenüber empfand, sie waren nicht viel jünger als der Knabe vor mir, und ich wusste, sie waren auf der Suche nach Anerkennung und Bestätigung, nach einer Herausforderung. Einige der Jungen nahm ich daher im Sommer jedes Jahr zu einer Studienfahrt in die Alpen, Timothy Milford hätte ebenso gut dabei sein können.
„Ist schon gut“, sagte ich. „Das verstehe ich vollkommen.“
„Wirklich?“ Er strahlte und präsentierte mir dabei weiße, in der unteren Reihe etwas schiefstehende Zähne.
„Oh, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Timothy Milford.“ Er hielt mir die Hand hin, in die ich einschlug, sein Händedruck war stark und kühl. „Gareth Preston“, sagte ich. „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Timothy. – Gehen wir an Bord, ich habe noch nicht gefrühstückt.
Während ich in der Lounge meinen Tee nahm, schien Milford unruhig, er rutschte auf dem Stuhl hin und her wie ein hyperaktives Kind, sah sich ständig um, als erwarte er jemanden.
„Die anderen werden uns schon finden. Dr. Boothwell ist ein alter Freund von mir.“
„Ah“, machte er und entspannte sich etwas.
„Eine Frage, Milford. Woher wussten Sie, wer ich bin?“
„Ich habe es nicht gewusst, Sir“, sagte er. „Ich wäre im Leben nicht darauf gekommen, dass Sie Bergsteiger und Professor sind. Sie sehen eher aus wie ein ...“ Er biss auf seine Unterlippe und sah plötzlich verlegen aus, was mich einigermaßen belustigte.
„Wie sehe ich aus? Ein Dandy, stimmt’s? Ich trage keinen Bart und keine Brille, obwohl ich Gelehrter bin und in meiner Freizeit auf Berge klettere. Sagen Sie ruhig, was Sie denken.“
Er hielt es für klüger, zu schweigen und mir ein unsicheres Lächeln zu schenken, Gott weiß, was ihm der gute Grant alles über mich erzählt hatte. Schließlich wechselte er das Thema.
„Es macht mich unheimlich glücklich, ausgewählt worden zu sein. Auf der Schule hätten sie alle gern mit mir getauscht.“
Trotz aller Sympathie fühlte ich mich bemüßigt, seine Euphorie zu dämpfen. „Das wird kein Sonntagsausflug werden, Junge.“
Er lachte. „Dasselbe hat mir Mr. Grant schon gesagt. Keine Sorge, ich werde mein Bestes geben.“
Immerhin, er war mutig, gesund und von beneidenswerter Jugend, mehr hatte ich nicht gefordert. Timothy Milford war eine Kämpfernatur, das verriet mir sein ausgeprägter markanter Unterkiefer, den er entschlossen nach vorne schob. Auf physischer Ebene hatte er mit Sicherheit mehr zu bieten als eine harmlose Klettertour im Lake District. Die Hoffnung, ihn für Shakespeare erwärmen zu können, begrub ich einstweilen.
„Ihre Werte bei den Voruntersuchungen waren ausgezeichnet“, bemerkte ich.
„Waren sie das? Man hat sie mir nicht mitgeteilt. Ich könnte sowieso nichts damit anfangen.“
Unser Gespräch geriet ins Stocken; er sah zur Seite, was mir den Blick auf sein scharfgeschnittenes Profil ermöglichte, seine Haut war straff, die kräftigen Augenbrauen kontrastierten zu seiner hellen Haarfarbe, und die Wimpern waren dicht und langgezogen wie die eines Mädchens. An der Stirn entdeckte ich eine kleine violettschimmernde Narbe, die er noch nicht allzu lange haben konnte. Ich konnte nicht umhin, sie zu berühren. Er erschrak, es kam unerwartet.
„Woher haben Sie das“, erkundigte ich mich.
„Ich bin gestürzt. Mit dem Motorrad“, antwortete er ein wenig atemlos.
„Sagen Sie bloß. Ich fahre auch.“
Froh, einen gemeinsamen Nenner gefunden zu haben, fachsimpelten wir eine Weile über Indian und Triumph, bis Boothwell auftauchte, einen merkwürdig leblosen Burschen im Schlepptau, der Haskiell sein musste. Er entsprach in keiner Weise dem Bild, das ich mir von ihm gemacht hatte. Alles an ihm schien in die Länge gezogen zu sein, die wachsähnliche Blässe unterstrich die dunkel umrandeten hypnotisch wirkenden Augen, und er sah nicht so aus, als sei er pausenlos zu albernen Scherzen aufgelegt. Die vor der Brust verschränkten Arme wiesen auf die Sinnlosigkeit des Unternehmens hin, man spürte, dass er sich im tiefsten Inneren danach sehnte, an verstümmelten Gliedmaßen herumzusäbeln. Harvey Boothwell war munter und lustig wie immer, er schlug Milford kameradschaftlich auf die Schulter.
„Junges Blut, das tut gut“, reimte er gutgelaunt. „Haskiell und ich sind seit Menschengedenken unterwegs, ich muss erst mal ein Nickerchen machen, bin schließlich nicht mehr der Jüngste.“ Er zwinkerte Milford verschwörerisch zu und bequemte sich dann in seine Kabine, Haskiell folgte ihm wie ein zweiter Schatten, er hatte kein einziges Mal den verkniffenen Mund aufgetan.
Ich konzentrierte mich wieder auf Milford, der Junge faszinierte mich, ich wusste nicht so recht, was an ihm anders war als an seinen Altersgenossen.
„Wenn ich Maler wäre, würde ich Sie malen“, ließ ich ihn wissen, er sah zu mir auf, seine Stimme klang brüchig. „Sir?“
„Ich habe einen Freund in London, der malt. Wenn wir zurück sind, würde ich Sie ihm gerne vorstellen.“
„Das ist sehr liebenswürdig, aber ich ...“
„Sie müssen nicht alles glauben, was man sich erzählt“, unterbrach ich ihn. „Sie können die Einladung ruhig annehmen, meine Freunde beißen nicht.“
„Danke, Sir.“ Eingeschüchtert ob meines Interesses an seiner Person versuchte er, die Konversation in andere Bahnen zu lenken. Ein wenig schleppend meinte er: „Mr. Boothwell ist ein netter Kerl, oder?“
„Zumindest bemüht er sich.“ Mit dieser lapidaren Antwort wollte er sich nicht zufrieden geben.
„Der andere sieht aus wie ein Gespenst, finden Sie nicht?“
„Milford“, sagte ich. „Sie brauchen nichts zu sagen. Ich will Sie nur ansehen. Wissen Sie eigentlich, wie schön Sie sind?“ Abrupt und sichtlich schockiert erhob er sich, um sich gleich darauf erneut zu setzen, ein älteres Ehepaar am Nebentisch schaute neugierig zu uns herüber.
„Mr. Preston, Sir“, setzte er an und schnappte nach Luft, es tat mir leid, ihn aus der Fassung gebracht zu haben. „Sie sind sehr offen, daher will ich es auch sein. Es behagt mir nicht, wenn Sie so etwas sagen. Es liegt mir fern, Sie zu beleidigen, aber ich bitte Sie inständig, solche Äußerungen zu unterlassen.“
Ich war mir keiner Schuld bewusst, doch mir wurde klar, dass uns durch den enormen Altersunterschied Welten trennten, er war eine Generation, die eine Erziehung genoss, die sich gänzlich von meiner unterschied. In den Kreisen, in denen ich gelegentlich verkehrte, nannte man sie abfällig Prüderie.
Das Signal zum Ablegen ertönte, wir gingen an Deck, um den Daheimgebliebenen zuzuwinken, Boothwell und Haskiell bahnten sich einen Weg am Geländer entlang zu uns hinüber. Da schrie Milford laut auf, er wedelte wild mit den Armen und formte einen Trichter vor seinem Mund. „Mary!“
Ein Mädchen, das die blonden Haare unter dem Hut zu einen Zopf gebunden trug und einen Korb in der Hand hielt, reagierte auf sein Rufen, indem sie näher an den Quai trat, sie hüpfte anmutig über das Tau, das von zwei wettergegerbten Dockarbeitern routinemäßig aufgewickelt wurde.
„Sandy!“ rief sie hinauf. „Ich warte schon seit einer halben Stunde hier. Wo hast du gesteckt? Und was mache ich damit?“ Achtlos schwenkte sie den Korb, was nicht ohne Folgen blieb; der Inhalt, eine Lunchbox und eine Feldflasche, plumpste ins brackige Wasser. Die beiden Männer bugsierten sie zur Menge zurück, ich sah, wie sie ihre zierliche Hand zum Gruß ausstreckte und die Finger bewegte, etwas erschreckend Trauriges ging von dieser kleinen Geste aus.
„Ihr Mädchen, Milford?“ mutmaßte ich.
Er fluchte höchst unfein, für sein junges Alter eine beachtliche Leistung, ich sah mich um und hoffte, dass seine Ausdrücke nicht an die verwöhnten Ohren einer Dame drangen.
„Ich habe sie verpasst“, schimpfte er. „Das gibt es doch gar nicht!“
„Ist besser so, glaub’s mir, Junge“, schaltete sich Boothwell ein. „Abschiede tun weh, und Proviant gibt es hier im Überfluss, das Rotkäppchenfrühstück kannst du leicht verschmerzen.“
„Verdammt“, brüllte Milford, er vergaß sich regelrecht, aber angesichts seiner geringen Jahre verziehen wir ihm nachsichtig lächelnd. „Das Mädchen ist meine Schwester. Sie ist erst kürzlich von unserer Tante in Leeds zurückgekehrt, und ich wollte mich unbedingt von ihr verabschieden.“ Die letzten Worte kamen erstickt heraus, ich traute meinen Augen nicht, er kämpfte mit den Tränen. Behutsam legte ich den Arm um seine Schulter, vor Erregung zitterte er. „Sie werden sie doch wieder sehen“, sagte ich. Hilfesuchend lehnte er sich an mich, das Gesicht verbarg er halb am rauhen Stoff meiner Tweedjacke. Im nächsten Moment löste er sich, bewusst, dass er sich hatte gehen lassen; mit zerknirschter Miene ging er sehr gerade auf die steilen Stufen zu, die unter Deck führten.
„Ein seltsamer Knabe“, urteilte Boothwell an meinem Ohr.
„Er ist jung, mein lieber Boothwell“, sagte ich. „Die Unberechenbarkeit werden wir ihm schon austreiben.“
„Träum weiter, Preston“, entgegnete Boothwell unerbittlich, seine schwere, untersetzte Gestalt auf meine andere Seite schiebend, die einer unvergleichlichen Behendigkeit im Berg Lügen strafte. „Der wird uns Ärger machen mit seiner impulsiven Art. Als ob ich mit dem Doktor nicht schon genug zu tun hätte. Ist auch so ein komischer Kauz.“
Milfords Überreaktion verstimmte mich nicht, eher im Gegenteil, ich war fest entschlossen, ihn genauer kennen zu lernen. Dass er seine Schwächen zeigte, war meiner Ansicht nach kein Zeichen des Versagens, wir waren alle Menschen, Harvey und die Kollegen neigten schnell dazu, diese Tatsache zu vergessen.
Ich hatte nicht das Glück, eine Kabine mit dem Jungen zu teilen, obwohl ich es mehr als begrüßt hätte. Als Gesellschafter in den späten Abendstunden musste mir der eigenbrötlerische Haskiell genügen, ich stellte schon am ersten Tag fest, dass es an vergebene Liebesmühe grenzte, ihn zu einer Unterhaltung oder wenigstens einem Spiel zu bewegen.
Milford vermied es, sich in meiner Nähe aufzuhalten. Am nächsten Morgen, nach einer durchwachten Nacht, erwischte ich ihn an Deck. Er bastelte an einem Gerät herum, wobei er von Zeit zu Zeit vor sich hinmurmelte. Das Innenleben des Kastens hielt ihn völlig gefangen, sodass ich mich unbemerkt anschleichen konnte. Mir fiel seine Fingerfertigkeit ein, die Grant so lobend hervorgehoben hatte. Meine Ehrerbietung für eine solche Begabung, denn was mich anging, war ich handwerklich bemerkenswert unbedarft.
„Guten Morgen, Milford“, grüßte ich, er zuckte zusammen, sein Blick richtete sich vorwurfsvoll auf mich.
„Sie haben mich erschreckt, Sir.“
Ich ging in die Hocke, um mir das Objekt, das auf seinem Schoß ruhte, genauer anzusehen; nie zuvor war mir Ähnliches untergekommen.
„Was ist das?“
„Mr. Boothwells Kuckucksuhr“, sagte er gleichmütig. „Sie funktioniert nicht mehr.“
„Wozu in Gottes Namen braucht er eine Kuckucksuhr?“
„Ich weiß nicht.“ Es klang brüskiert, auch eine Spur Verachtung schwang darin. „Ich repariere sie jedenfalls.“
„Haben Sie Ahnung davon?“
„Ein bisschen. Aber das ist meine erste Kuckucksuhr. Mr. Boothwell scheint daran zu hängen. Er ist schon ziemlich sonderbar, nicht wahr?“
Ohne auf seine fragende Behauptung einzugehen, strich ich ihm das lange Deckhaar aus dem Gesicht, er trug es der Mode entsprechend, nur der Nacken war kurz.
„Ihre Schwester nennt Sie Sandy. Ihres Haares wegen?“
Er nickte. "Mein zweiter Vorname ist Alexander."
„Darf ich Sandy zu Ihnen sagen?“
Endlich blickte er mir direkt in die Augen, seine Pupillen weiteten sich. Vorsichtig legte er die Uhr auf den Boden, streckte die Beine und stand auf. Ich war bereit, in Deckung zu gehen, falls er es wagen würde, mir einen Linkshaken zu verpassen.
„Das wäre mir lieb, Sir. ‚Milford‘ hört sich so sehr nach meinem Vater an.“ Beschämt musterte er die Planken, der nächste Satz bereitete ihm Schwierigkeiten, er sprach so leise, dass ich mich vorbeugen musste. „ Ich habe mich gestern danebenbenommen, Sir, das soll nicht wieder vorkommen. Ich möchte mich vielmals entschuldigen. Normalerweise passiert mir das nicht.“
„Das hier ist auch kein Normalfall, Sandy. Es ist keine Schande, zu seinen Gefühlen zu stehen.“
„Nein, Sir, gewiss nicht. Trotzdem wäre mir wohler, wenn Sie es einfach vergessen.“
Mit unendlicher Sorgfalt nahm er die Kuckuckuhr an sich. „Sie sind sehr empfindlich“, erklärte er. „Ich fürchte nur, an einem Tag schaffe ich es nicht.“
Es war ihm unangenehm, über persönliche Dinge zu sprechen, noch dazu mit einem Fremden, das war nicht üblich und ziemte sich wohl nicht. Dennoch erlaubte ich mir einen zweiten Vorstoß.
„Sie lieben Ihre Schwester sehr, habe ich recht? Wie viele Geschwister haben Sie?“
„Fünf“, sagte er nach kurzem Zögern bereitwillig. „Vier Brüder und Mary.“
„Aber Mary haben Sie am liebsten?“
„Sie hat mich am liebsten“, antwortete er rätselhaft. „Meine Brüder kenne ich kaum. Ich glaube, ich bin ihnen peinlich. Sie sind alle so gescheit, wissen Sie. Der alte Herr hat mich nur nach Oxford geschickt, weil das bei uns Tradition ist. Er würde sich nicht auf die Straße trauen, wenn ich Klempner wäre.“
Beim Sprechen hatte er auf einer kleinen Holzbank Platz genommen, ich setzte mich neben ihn. Ich wünschte, er würde mehr aus sich herausgehen, ahnte jedoch, dass es falsch war, ihn zu drängen.
„Ingenieur ist doch ein ehrbarer Beruf. Mir scheint, dass Ihnen das liegt.“
„Ja, es macht Spaß. Ich habe schon als Kind gern Sachen auseinander genommen. Studieren wollte ich aber nie. Ich lerne nicht so fix wie meine Brüder. – Warum erzähle ich Ihnen das alles? Ich langweile Sie bestimmt nur.“
„Keineswegs“, beeilte ich mich zu versichern.
„Doch“, beharrte er. „Ich seh’s Ihnen an.“
Wie sollte ich es ihm erklären, offensichtlich war er es nicht gewohnt, dass man sich für ihn interessierte. Meine folgende Äußerung kam selbst mir zu gestochen vor.
„Ich bin Pädagoge, Sandy. Ich genieße den Umgang mit jungen Leuten. Und als stellvertretender Expeditionsleiter will ich wissen, aus welchen Männern die Gruppe besteht, ob sie zuverlässig sind, besonnen - “
„Dann verzichten Sie besser auf mich“, scherzte er. Ich drückte seine Schulter.
„Sie sind schon in Ordnung, Junge. Blamieren Sie mir den guten Grant nicht.“
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