Kapitel 2

 

 

Das Frühstück wurde als lustige Notwendigkeit zelebriert; es gab die gewohnten Eier mit Speck und gebackene Bohnen; wer es üppiger liebte, griff zu gebratenen Sardinen und gekochtem Hummer, was jedoch einen gewissen Grad an Abhärtung und Experimentierfreude voraussetzte. Allerlei Meeresgetier wimmelte auf den eilig herbeigeschafften Platten, Gewürm, das ich nicht einmal zu benennen wusste. General Quinley konnte es nicht lassen, den armen Sandy aufzuziehen, schon bald entwickelte sich zwischen ihnen ein Verhältnis, das etwas von einer Vater–Sohn–Beziehung an sich hatte. Tatsächlich entstand auf diesen Umstand hin ein Phänomen, das jeden von uns Außenstehenden amüsierte: Quinley und Boothwell, mit Witherspoon die ältesten im Verein, rangelten ständig um die Gunst des Jüngsten, peinlich bemüht, sich gegenseitig an Kuriositäten zu überbieten, mit denen sie glaubten, Milfords Interesse zu gewinnen.

„Wenn du schlau bist, lass die Finger von den Tintenfischen“, riet er. „Die sind nicht nur schleimig im Mund, sondern verursachen eine grässliche Malaria, dafür bin ich dein warnendes Beispiel.“

Milford kaute minutenlang auf seinem Toast herum; es fiel ihm schwer, die Geschichte des Generals in eine Kategorie einzuordnen.

„Sie haben Malaria, Sir? Von den Fischen?“

„Von was sonst, Gefreiter?“ dröhnte der General, der Gefallen daran fand, einen naiven Zuhörer für seine grotesken Anekdoten gefunden zu haben. „Was meinst du, weshalb hier ein ganzer Tross Kurpfuscher zugegen ist?“

„Quinley“, zischte Stillwater mahnend, der an der Verunglimpfung seines Berufes nichts Spaßiges entdecken konnte. Milford suchte meinen Blick, ich schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Nur die Anophelesmücke kann den Malariavirus übertragen, junger Freund“, beruhigte Stillwater und hob, zu einem wissenschaftlichen Vortrag ansetzend, den Zeigefinger. „Es ist ein allgemein verbreiteter Irrtum, dass...“

„Mr. Quinley den Hals nicht voll genug bekam und selbst einen malariaverseuchten Tintenfisch nicht verschmähte“, schloss Reeves. „Hören Sie auf, Stillwater, ich kann Ihre verflucht salbungsvolle Art nicht ausstehen.“

Stillwater seufzte ergeben und widmete sich wieder seiner halbrohen Garnele, wir hatten gelernt, Reeves das letzte Wort zu lassen, da man doch nicht gegen seine Spitzzüngigkeit ankam. Nur Milford öffnete den Mund zu einer Erwiderung, sein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit duldete kein Schweigen.

„Und ich kann dich nicht ausstehen, Reeves“, erklärte er und sagte dem Diplomatensohn damit offiziell den Kampf an. Morrow, sich seiner gebieterischen Autorität wohl bewusst, schlug mit dem Löffel gegen seine Teeschale. Ich bemerkte einen Ausdruck in Reeves‘  ansonsten hochnäsigem Gesicht, der es mir schwer machte, nicht laut herauszulachen; er schaute reichlich dumm aus der Wäsche, einen ebenbürtigen Gegner gegenüber sitzenzuhaben. Es war erheiternd, aber nicht gut. Mit seiner Offenheit hatte Milford ihn vor den Männern kompromittiert; so eine Bodenlosigkeit verlangte Revanche.

Pappsatt und ein wenig träge beschloss ich, mit Stillwater in der Stadt ein paar Besorgungen zu machen, bis zur nächsten Station mussten die Vorräte halten. Transportmittel würde der Zug sein, eine mehr schlecht als recht zusammengeflickte Eisenbahnlinie führte direkt von Bombay nach Kalkutta, und von dort aus würde es ernst werden. Von der fraglichen Tauglichkeit der Schienen machten wir uns gleich selbst ein Bild, ich balancierte wie ein kleiner Junge auf den Geleisen, Stillwater mir hinterher.

„Timothy Milford ist ein Risiko, Preston.“

„Nur weil er sagt, was er denkt? Er ist gut in Form, Ralph, voller Elan und Idealismus. Und jung – je jünger sie sind, desto stabiler ihre Knochen und vorzüglicher ihre Beweglichkeit. Du als Arzt müsstest das eigentlich wissen.“

„Wage nicht, meine Qualitäten als Mediziner in Frage zu stellen“, sagte Stillwater und schnaubte. „Das ist natürlich ein Faktor. Trotzdem habe ich ein flaues Gefühl bei ihm.“

Ich sprang im Zickzack von einer Schiene zur anderen.

„Was soll ich tun? Ihn nach Hause zurückschicken? Oder an die Universität in Delhi, bis wir wiederkommen?“

„Unsinn! Ich wollte es dir nur gesagt haben.“

Ich legte ihm die Hand auf die Schulter. „Was du hiermit getan hast. Wollen wir‘s dabei belassen, alter Knabe?“

Er schien noch nicht befriedigt, mit zusammengekniffenen Augen kratzte er seinen ausrasierten Nacken; die heisse Sonne der vergangenen Tage hatte seine Haut verbrannt. Ich hatte plötzlich das Verlangen, ihn in die Arme zu schließen, er wirkte verletzlich und schmollte.

„Du bist eifersüchtig“, neckte ich ihn. „Auf einen Schulbuben. Stimmt‘s?“

Er machte keinen Hehl daraus, versuchte nicht, meine Scherzhaftigkeit zu erwidern.

„Immerhin haben wir es letztes Mal bis auf  7200 Meter geschafft.“

„Stillwater! Willst du damit etwa andeuten, ich plane mit dem Jungen den Gipfelsturm?! Das wäre ja Wahnsinn! Außerdem hat Morrow zu entscheiden, das weißt du.“

Das Einkaufen auf dem indischen Markt ist ein Kapitel für sich. Feilschen und Betrug sind an der Tagesordnung, Stillwater und ich kämpften von Anfang an auf verlorenem Posten. Engländer, die Sahibs, wurden mit einer herablassender Beflissenheit  von seiten der Einheimischen behandelt, erst recht solche, die ihre komplizierte Sprache nur in Brocken beherrschten und sich vorzugsweise ihrer Hände und Füße zur Verständigung bedienten. Ich hätte die Quinleys oder Reeves als Begleiter wählen sollen; sie waren die einzigen, die Hindustani leidlich sprachen und damit Erfolge verbuchten. Wir dagegen ließen uns tüchtig übers Ohr hauen. So kehrten wir zerknirscht mit unserer Ausbeute zurück, eine Ladung Dosen, über deren Inhalt wir zweifelten, und kistenweise matschiges Obst, worüber Morrow verständlicherweise nicht sehr erbaut war.

 

~~~

 

Wir verlebten noch ein paar sehr erquickliche Tage in Bombay, Morrow und ich befassten uns mit der Planung der Route und dem Aufstellen von Listen, während ich Milford die nötige Ruhe zugestand, es würde noch anstrengend genug werden. Er und Reeves hielten sich von morgens bis abends am Pool des Hotels oder im nahegelegenen Wald auf; verblüffenderweise arrangierten sich die beiden recht gut. Es lag wohl daran, dass Reeves es nicht gewohnt war, sich verbal zu verteidigen, sondern nur austeilte, zum Streiten war er schlicht zu bequem. Sie maßen sich physisch bei Wettschwimmen und Laufen, Morrow musste des Öfteren mahnend eingreifen, wenn sie es zu toll trieben. Nicht selten kam Haskiell dazu, um die Herztöne nach einem verausgabten Rennen zu nehmen; sobald Milford und Reeves ihn von Weitem bemerkten, versteckten sie sich oder tauchten solange im Pool unter, bis es Haskiell zu dumm wurde, zu warten. In ihrer Abneigung gegen Haskiell waren sie sich einig; lediglich Grant stieß des Doktors eisige Aura nicht vor den Kopf, und er bemühte sich sehr um Verständnis für dessen beinahe katatone Launen.

Als wir mit unserem schweren Gepäck zum Bahnhof aufbrachen, regnete es, ein warmer tropischer Guss, der uns einen Vorgeschmack auf den Dschungel gab. Milford war stets an meiner Seite. Der Regen schien ihm nichts auszumachen, er ermutigte die vorbeihuschenden Träger, bot sich an, deren Lasten ein Stück weit zu tragen, obwohl die Träger eigens dafür angeworben waren.

„Sie sind zu nett zu den Leuten“, sagte ich. „Das verwirrt sie. Es sind nur Kulis, mein Lieber.“

„Aber der Alte dort ist viel zu schwach, um Mr. O‘ Learys Koffer zu tragen“, widersprach er und zeigte auf einen ausgemergelten halbnackten Wilden, der ein ums andere Mal keuchend hinter der Karawane zurückblieb. „Bitte gestatten Sie, dass ich ihm helfe.“

Ich hielt nach Morrow Ausschau und stellte fest, dass er an der Spitze alle Hände voll zu tun hatte, die Leute zu dirigieren.

„Na schön, Milford. Aber passen Sie auf, dass Morrow Sie nicht erwischt. Das wäre höchst unbritisch.“

Eifrig redete er auf den Alten ein, dem von seinem Glück nichts schwante, er war des Englischen nicht mächtig, daher nahm Milford kurzerhand den Koffer an sich und stemmte ihn auf seine Schulter. Dem Inder war nicht wohl bei der Sache; anfangs schielte er ängstlich in meine Richtung und unternahm mehrere halbherzige Versuche, dem Jungen das sperrige Ding zu entreißen, was diesen gefährlich aus dem Tritt brachte. Schließlich erschöpfte sich seine Geduld.

„Ich will dir doch helfen, du Idiot“, brüllte er. „Ist das so schwer zu begreifen?!“

Das zeigte Wirkung, der Alte verzog den zahnlosen Mund zu einem entschuldigenden Grinsen und ließ Milford gewähren. Seine bevorzugte Position stieg ihm dermaßen zu Kopf, dass er bald einen Bambusstrauch entweihte, indem er aus ihm eine Rute brach und sie in Nachahmung von Morrows antreibender Kuhlederpeitsche hin- und herschwenkte.

Später stand Milford der Schweiß auf der Stirn, den ganzen Weg hatte er mit seiner verbotenen Last zurückgelegt. Mich plagte das schlechte Gewissen, weil ich letztendlich für seinen ausgelaugten Zustand verantwortlich war.

„Es geht schon, Sir“, wiegelte er meine Besorgnis ab, doch von dem Taschentuch, welches ich ihm reichte, machte er dankend Gebrauch.

„Na, Milford – Sandy? -, das Klima ist gewöhnungsbedürftig, nicht?“

Morrow hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, die Reihen seiner Schutzbefohlenen abzugehen wie ein General seine Offiziere. Mit angehobenem Kinn, die Hände auf dem Rücken, wippte er vor Milford auf den Fersen. Der zuckte ob der einschüchternden Taktik nur scheinbar gleichgültig die Achseln.

„Das ist wohl wahr, Mr. Morrow, Sir. Ich kann nichts dafür.“

Eine Spur Trotz schlich in seine Stimme, eine Unbeherrschtheit, die auf der Stelle geahndet wurde; Morrow riss erstaunt die Augen auf.

„Nein. Sicher nicht. Trotzdem sähe ich es lieber, wenn Sie Ihre dringend benötigten Kräfte schonten statt hier den Lakaien zu spielen. Mr. Preston –" Er warf mir einen rügenden Blick zu  "- wird dafür sorgen, dass Sie nicht übermütig werden.“

Die Eisenbahn hatte zeit ihrer Existenz keine Sanierungsarbeiten genossen, doch am asiatischen Standard gemessen strahlte sie fast so etwas wie Komfort aus. Zwei gesäuberte Viehwaggons, hinter den Passagierwaggons angekoppelt, dienten als Schlafstätte für uns und die Träger. Im Übrigen schnaufte sie wie ein Rudel asthmatischer Schlittenhunde und schien jeden Meter unter größter Qual zurückzulegen.

„Großer Gott“, entfuhr es Haskiell, damit war sein Vokabularpensum für heute erfüllt.

„Immerhin, Hask“, tröstete Boothwell. „Wenn Er mitfährt, dürfen wir beruhigt sein.“

Die mehr oder wenige komische Bemerkung entlockte Milford ein kurzes Lachen, was Boothwell beglückt zur Kenntnis nahm. Sofort mischte sich der General ein:

„Am Berg wird Er wieder aussteigen, wie letztes Mal.“

Dass dieser Verstieg, Boothwell zu übertrumpfen, alles andere als geistreich war, wurde ihm erst bewusst, als es zu spät war; gesenkten Hauptes zog er von dannen. Milford, der von nichts wissen konnte, zupfte mich leicht am Ärmel. Ich zuckte zusammen.

„Was gibt es?“ blaffte ich, jetzt war es an ihm, zu erschrecken.

„Wollen wir einsteigen, Sir?“

O‘Leary war von einem verzweifelten Verlangen beseelt, einen Teil der Fahrt vom Dach der Lok aus zu filmen. Er bestimmte Milford zu seinem Assistenten, nachdem ihm auf seinem Aussichtspunkt schlecht wurde. Milford baute die schwere und komplizierte Ausrüstung auf, als hätte er in seinem Leben nichts anderes getan. Während der Fahrt blieb er oben und passte auf, dass kein Material verlorenging. Der arme O‘Leary hatte ordentlich unter unseren Nicklichkeiten zu leiden; sowas wollte nun einen Achttausender erklimmen!

„Die Maschine wackelt wie verrückt“, verteidigte er sich lahm. „Der Berg noch nicht.“

Unsere Sticheleien verärgerten den humorlosen O‘Leary derart, dass er bis Sonnenuntergang kein Wort mehr mit uns sprach. In misslicher Laune ließ er seinen Unmut an Milford aus, der bei einbrechender Dunkelheit das Lokomotivendach räumte. Dem Jungen war nichts anzumerken, als O‘Leary wetterte und drohte, wenn eine seiner kostbaren Filmrollen überbelichtet wäre, würde er Milford den Tigern zum Fraß vorwerfen. Wir anderen maßen seinem Schweigen keine große Bedeutung bei und schrieben es der Müdigkeit zu.

Ich schlief unruhig in der Nacht; als ich mich in dem engen Raum auf die andere Seite wälzte, stieß ich gegen etwas Hartes, Bebendes. Zögernd streckte ich die Hand aus. Es war Milfords Rücken. Instinktiv streichelte ich ihn, fest und langsam, einer Massage ähnlich, bis er nicht mehr zitterte.

„Sandy“, wisperte ich. „Was ist mit Ihnen?“

Er wandte mir das Gesicht zu, das Weiß seiner Augen schimmerte feucht.

„Nichts.“

„Sie haben geweint. Weshalb?“

„Oh, Mr. Preston“, brach es aus ihm heraus. „Ich mache alles verkehrt.“

Gerührt, aber auch milde schockiert über die eigene Unsensibilität, seine Emotionen zu unterschätzen, zauste ich sein Haar, auf dem ein schmaler Streifen neugeborenes Sonnenlicht durch die lückenhaften Ritzen des Waggons tanzte.

„Reden Sie sich das nicht ein. Jeder ist für das Unternehmen äußerst wichtig. Es gibt nur einen Fehler, den Sie haben: Sie sind jung, und das macht sie verdächtig bei den Männern. Nehmen Sie sich deren rauen Ton nicht zu Herzen; sie meinen es nicht wirklich so. Im Grunde sind sie unsicher, da sie nicht wissen, wie sie mit Ihnen umgehen sollen.“

Eine Zeitspanne verstrich, in der in mir eine tiefe Verbundenheit zu Milford aufwallte. Ich lag wach auf dem Rücken und starrte an die spinnwebenverhangene Decke, dabei fühlte ich den fragenden Blick Milfords auf mir ruhen.

„Wollen Sie etwas wissen?“

Er räusperte sich verhalten, um die anderen nicht zu wecken, seine Frage, die ihn schon geraume Zeit zu beschäftigen schien, formulierte er mit Bedacht.

„Als der General sagte, dass Gott vor der letzten Station aussteigen würde, wurden Sie kreidebleich. Sie waren mir völlig fremd in dem Moment, um ehrlich zu sein. Ich dachte, Sie kippen gleich um. Ist es indiskret, zu fragen, warum Ihnen die Bemerkung so nahegegangen ist? – Sie müssen mir aber nicht antworten, wenn Sie nicht möchten, Sir“, fügte er schnell hinzu.

Ursprünglich hatte ich nicht vorgehabt, diese Geschichte aufzuwärmen, insbesondere vor Milford nicht, den sie verunsichern könnte. Aber nach rascher Überlegung gelangte ich zu dem Schluss, dass es besser war, wenn er wusste, worauf er sich einließ.

„Das letzte Jahr war schlimm, Sandy. Die Bedingungen für eine Besteigung waren von Anbeginn denkbar schlecht, trotzdem haben wir alle Widrigkeiten ignoriert. Es war purer Leichtsinn. Oben hatten wir Unmengen von Neuschnee, der Morrow davon abhielt, weiter die Verantwortung zu übernehmen. Also erkor ich mich kurzerhand zum Leiter und führte die Leute in ein Gebiet, das für uns alle nicht zu bewältigen war, erst recht nicht für die Sherpas, die dem Berg ohnehin Misstrauen entgegenbringen. Sie sind störrischer als Esel, das werden Sie noch erleben. Wir fanden keine Felsmulde, als der Sturm einsetzte, zwei Trägern wurde das zum Verhängnis. Von unterhalb des Grats ging eine Pulverschneelawine ab – und riss sie mit sich. Das Seil wurde durch den Druck zerfetzt – ob glücklich oder unglücklicherweise, mag ich nicht beurteilen. Jedenfalls sind Stillwater und ich alleine zum Lager zurückgekommen.“

Milfords Augen wurden riesig, überhaupt konnte man seine Gedanken und Stimmungen fabelhaft von ihnen ablesen.

„Das tut mir leid, Sir. Aber Ihre Schuld war es doch nicht.“

„Nicht? Wessen dann?“

Er suchte nach Worten, in seinem Gehirn tickte es.

„Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen. Ich habe das auch probiert. Es hilft nichts. Ich habe mich nicht darum gerissen, bei der jetzigen Expedition dabeizusein, wie Sie sich denken können.“

Vielleicht hatte ich ihm eine Illusion geraubt, eine, die Menschen zu übernatürlichen Wesen stilisiert, die kein Versagen des Ideals oder Vorbildes zulässt. Aber ich glaube, es war richtig, ihm die Wahrheit zu sagen; dass ich mich von der menschlichen Rasse nicht ausschloss, zu meinen Unzulänglichkeiten stand und bereit war, sie vor ihm zu offenbaren.

„Ich bin froh, dass Sie trotzdem zugesagt haben“, meinte Milford schließlich, es war keine Floskel.

„Ich glaube, man kann viel von Ihnen lernen.“

Ich lächelte. „Wenn Sie Probleme haben, Sandy, können Sie jederzeit zu mir kommen.“

 

Mittlerweile hatte die Sonne die Truppe wachgekitzelt, nur Grant steckte bis zu den verwuschelten Haarspitzen in seinem Schlafsack und sägte ganze Wälder um. Er war ein netter, verträglicher Kamerad mit einer hervorstechenden Tendenz zum Müßiggang, was sich bedauerlicherweise in jeder erdenklichen Lebenslage herauskristallisierte. Weniger gemütvollen Zeitgenossen – und es gab derer viele - ging er damit häufig auf die Nerven. Wir nannten ihn Porter das Faultier, obwohl es mit seiner Trägheit nicht ganz so im Argen lag und man sich in Krisensituationen felsenfest auf ihn verlassen konnte.

„Angetreten zum Appell, Grant“, donnerte der junge Quinley, wie sein Onkel ein gestandener Gurkhakoffizier. „Zartfühlend“ und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, stupste er Grant in die Seite. „Die Bahn entgleist!“

„Menschenskinder“, murmelte Grant und rollte zur Wand. „Das wird doch wohl noch ein Viertelstündchen Zeit haben.“

Wir lachten eine Runde, Grant wirkte immer ein bisschen unfreiwillig komisch. Mit ihm hatte ich noch ein paar Worte zu wechseln, was den Sauerstoff anbelangte. Für ihn eine reichlich unbequeme Angelegenheit; die Überraschung darüber, dass ich das Thema zur Sprache brachte, malte sich in sein freundlich-harmloses Pferdegesicht. Perplex blinzelte er zu mir hoch.

„Wollten wir es nicht ohne versuchen?“

„Wir könnten ihn aber brauchen, Porter.“

„Wenn du es sagst. Die Flaschen lagern in Kalkutta; Sandy soll sich damit befassen, wenn wir angekommen sind.“

„Ich halte es für keine gute Idee, ihm alleine die Aufgabe zu übertragen. Du solltest dir wenigstens die Grundkenntnisse der Handhabung aneignen.“

Grant zupfte lustlos einen Grashalm aus, den er sich in den schiefen Mund zog.

„Wozu denn? Ich habe keine Ahnung von solchen Dingen.“

Ich wurde ein wenig unbeherrscht. Da kannte ich ihn schon so lange und trotzdem gelang es ihm ständig, mich auf die Palme zu bringen.

„Aber der Junge hat sie? Mit dreiwöchiger Klettererfahrung auf den Cuillin Bergen? Das ist doch nicht dein Ernst. Er weiß vermutlich nicht einmal, wie diese Flaschen aussehen.“

Jetzt war es um Grants Fassung geschehen, er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.

"Im Alpine Club hat man ihn mir doch empfohlen."

"Ja, weil man die jungen Kletterer an einer Hand abzählen kann und Milford wohl der einzige war, der einen Eispickel von einem Steigeisen unterscheiden konnte."

Grant sah ehrlich bestürzt aus.

"Du meinst, wir schleppen einen blutigen Anfänger auf den Everest?"

"Zerbrich dir darüber nicht den Kopf, mein Junge. Er ist von einem äußerst bemerkenswerten Fleiß und lernt schnell."

 

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